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Lübsow

Dr. Jan Schuster

 

Die frühkaiserzeitlichen Fürstengräber von Lübsow im Kontext. Antiquarische, naturwissenschaftliche sowie siedlungsarchäologische Untersuchungen.

Seit 3.5.2006 wird am Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie durch Jan Schuster ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes, zweijähriges Forschungsprojekt zu den bekannten älterkaiserzeitlichen Prunkgräbern von Lübsow (heute Lubieszewo, woj. zachodniopomorskie, Polen) geführt.

Die bei Lübsow in Pommern geborgenen sogenannten „Fürstengräber“ sind eine zur Untersuchung gesellschaftlicher Strukturen während der älteren Römischen Kaiserzeit erstrangige Quelle. Zufällig bei der Sammlung von Feldsteinen zum Straßenbau und mit größeren zeitlichen Abständen wurden zu Beginn des 20. Jh. insgesamt sechs Gräber auf den benachbarten Fundplätzen „Sandberg“ und „Tunnehult“ von Laien entdeckt und geöffnet. Ihre außergewöhnlichen Inventare reihen die Bestattungen von Lübsow in eine Gruppe von Gräbern des ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhunderts in der Germania Magna ein, die nach heutigem Kenntnisstand Ruhestätten von Angehörigen überregional vernetzter Eliten waren. Die Auswertung des Fundplatzes wurde Grundlage für eine erste zusammenfassende Beschreibung dieser Bestattungen durch H. J. Eggers im Jahr 1953 und der Fundort namengebend für die Prunkgräber der älteren Römischen Kaiserzeit in Nord- und Mitteleuropa.

Die Veröffentlichung der Grabfunde von Lübsow erfolgte jedoch auf einer infolge der Kriegsereignisse und der anschließenden politischen Situation stark verschmälerten Basis. Die verbliebenen Funde waren auf verschiedene deutsche und polnische Museen verteilt, eine Vielzahl davon hielt man für verschollen. Die Sichtung von Archivalien und Funden im Museum Szczecin erbrachte neue Informationen zu den Grabinventaren, neben verschollen geglaubten, altbekannten Funden kamen weitere, bislang der Fachwelt bisher verborgen geblienene Gegenstände hinzu.

Ziel des Projektes ist eine umfassenden Neubearbeitung der „Fürstengräber“ von Lübsow, die moderne Analyse der Prunkgrabinventare, vor den Hintergrund der verbreiterten Materialbasis sowie des seit der Veröffentlichung angewachsenen Wissensstandes zur Älteren Kaiserzeit in Pommern. Es werden Untersuchungen zur Entstehung und Ausprägung der älterkaiserzeitlichen Prunkgrabsitte, zur Vernetzung der Eliten im mittel- und nordeuropäischen Barbaricum und deren Kontakte zum Römischen Reich angestellt.

Neben der überregionalen Analyse gilt es, auf Grundlage einer Quellensammlung der gleichzeitigen Grabinventare Vor- und Hinterpommerns die Stellung der mit außergewöhnlichen Beigaben versehenen Bestattungen in ihrem regionalen Umfeld zu ergründen. Die Analyse der sozialen und politischen Topographie Vorpommerns und Pommerns in der älteren Kaiserzeit, ihrer Entwicklung im Spannungsfeld von Stetigkeit und Dynamik, ist eine der wesentlichen Voraussetzungen, um das Phänomen der Prunkgräber von Lübsow und seine Zeitdauer zu verstehen.

Um die zur Verfügung stehende Datenmenge zu vergrößern, werden neben der antiquarischen Neubearbeitung der Funde naturwissenschaftliche Begleituntersuchungen am vorhandenen, zum Teil unbekannt gebliebenen Originalmaterial mit modernen Analyseverfahren vorgenommen. Sie ermöglichen Aussagen zur Provenienz, zur Herstellungsweise, zum technischen Vermögen der Handwerker, zum Grabritus anhand speziell gefertigter, nicht funktionsfähiger Stücke und zum römisch-germanischen Technologietransfer. Analysiert werden Gegenstände aus Metall, Glas, Holz sowie Textilien.

Mit Geländeforschungen werden zusätzliche, die Angaben zum Aufbau der Gräber und der Überhügelungen und zu ihrer Lage im Gelände ergänzende Informationen gewonnen werden. Der seit der ersten, unsachgemäßen Öffnung unberührte Grabhügel 1 wird unter Einbeziehung seines unmittelbaren Umfeldes mit moderner Methodik ausgegraben. Die Feldforschungen werden in Kooperation mit Wissenschaftlern der Universität Warschau erfolgen.

Abb. 1: Bisher unbekannte goldene Preßbleche aus dem Grab Lübsow/Tunnehult 2Abb. 2: Grabung auf dem Fundplatz Tunnehult im Jahre 1938 (Quelle: Archiv Museum Szczecin).Abb. 3: Einer der verschollenen Silberbecher germanischer Herkunft, Griffbestandteile des zweiten sowie silberne, mit Goldpreßblech versehene Zierscheiben aus dem Grab Lübsow/Tunnehult 2 (Quelle: Archiv Museum Szczecin).
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