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Lüneburg-Oedeme

Prof. Dr. Jan Bemmann, Dr. Bärbel Heußner, Katharina Mohnike M.A.

Archäologisch/anthropologische Analyse des Gräberfeldes von Lüneburg-Oedeme      

Von 1983 bis 1985 untersuchte der zuständige Bezirksarchäologe Dr. Jan Joost Assendorp auf 8400 m² einen durch fortschreitende Sandgewinnung bedrohten Bestattungsplatz bei Lüneburg-Oedeme, der anhand des geborgenen Sachgutes in das 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. zu datieren ist. Der Friedhof gehört zur Gruppe der sogenannten „Buckelgräberfelder“, die ausschließlich im östlichen Niedersachsen anzutreffen sind. Niedrige, im Schnitt 50 cm bis 70 cm hohe Erdhügel von 2 m bis 6 m Durchmesser bedecken eine zentrale in den anstehenden Boden eingetiefte Urnenbestattung. Zwischen den von einem nach Süden geöffneten Kreisgraben eingefaßten Hügeln befinden sich Urnenflachgräber. Vom Brandritus und Aufschütten eines Hügels abgesehen teilen diese Plätze noch ein weiteres Merkmal. Die Urnen enthalten nur sehr wenige Beigaben, die zudem häufig aus Knochen oder Geweih gefertigt wurden – wie Kämme und Nadelbüchsen –, so daß der Eindruck entsteht, daß diese Artefaktfragmente unbeabsichtigt beim Auslesen des Leichenbrandes aus den Rückständen des Scheiterhaufens gesammelt wurden.

Abb. 1: Töpfe



Da eine herkömmliche archäologisch antiquarische Analyse des Bestattungsplatzes aufgrund des speziellen Grabritus sehr schnell an ihre Grenzen stößt, lassen sich ohne eine moderne anthropologische Bestimmung und Auswertung der Leichenbrände wesentliche Fragen nicht beantworten. Solch eine Analyse liegt bisher für keinen Bestattungsplatz dieser Gruppe vor. Eine vom Gräberfeld Veerßen, Lkr. Uelzen, das ebenfalls zu diesem Grabsittenkreis zählt, untersuchte Stichprobe lieferte schon überraschende Erkenntnisse zu Säuglings- und Kinderbestattungen.

Durch die anthropologische Analyse der Leichenbrände aus Oedeme werden neben den grundlegenden demographischen Informationen in Kombination mit archäologisch erzielten Ergebnissen einzigartige Einblicke in die wahrscheinlich abweichende Behandlung der Mitglieder der jeweiligen Geschlechts- und Altersgruppen durch die bestattende Gemeinschaft gewonnen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der unter den Hügeln beerdigten Personengruppe und dem Aspekt der Teilbestattungen. Zahlreiche Urnen enthielten vom Gewicht her betrachtet nicht den vollständigen Leichenbrand. Geschah hier eine bewußte Auswahl von Körperpartien, oder lassen sich Hinweise auf eine Beisetzung in mehreren Urnen beibringen?

Ziel des Projektes ist es, im Zusammenspiel von Archäologie und Anthropologie eine Rekonstruktion des Bestattungsrituals zu ermöglichen und damit einen zentralen Aspekt im Leben der Gruppe, eine das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe stärkende, von Traditionen und Normen geprägte Handlung zu erschließen. Ohne eine sorgfältige Untersuchung der menschlichen Überreste bliebe jegliche kulturgeschichtliche Analyse im Ansatz stecken.

Abb. 2: Plan des Gräberfeldes von Lüneburg-Oedeme

Projektleitung

Prof. Dr. Jan Bemmann

Wissenschaftliche Ansprechpartner

Dr. Bärbel Heußner, Katharina Mohnike M.A.

Kooperationspartner

Dr. Jan Joost Assendorp, Bezirksarchäologe, Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, - Lüneburg -, Auf der Hude 2, 21339 Lüneburg

Fördernde Institution

www.gerda-henkel-stiftung.de
Gerda-Henkle-Stiftung

Publiktaion

Bitte beachten Sie die aktuelle Publikation von Katharina Mohnike: Das spätkaiser- bis völkerwanderungszeitliche Brandgräberfeld von Lüneburg-Oedeme, Stadt Lüneburg. Bonner Beiträge, Band 9, ISBN 3-936490-09-0 (35,90 €).

Literatur

  • Jan Joost Assendorp, Völkerwanderungszeitliche Friedhöfe bei Lüneburg, Niedersachsen. Studien zur Sachsenforschung 6, 1987, 7–12.
  • Angelika Burkhardt, Aus der Praxis der anthropologischen Leichenbrand-Bestimmung. Untersuchungen zum Leichenbrand vom Urnenfriedhof Veerßer Wald bei Uelzen. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 68, 1999, 59–65.
  • Dagmar Gaedtke-Eckardt, Hügelgräber des 4. Jahrhunderts nach Chr. aus Bad Bevensen. Die Urnenfriedhöfe in Niedersachsen 16 (Oldenburg 2001).
  • Babette Ludowici, Frühgeschichtliche Grabfunde zwischen Harz und Aller. Studien zur Entwicklung der Bestattungssitten im südöstlichen Niedersachsen von der jüngeren Römischen Kaiserzeit bis zur Karolingerzeit. Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens 35 (Rhaden/Westfalen 2005).
  • Katharina Mohnike, Die Buckelgräberfelder von Oedeme und Boltersen. Einblicke in die Frühgeschichte des Lüneburger Raumes. In: H. Hassmann/M. Fansa/F. Both (Hrsg.), ArchäologieLandNiedersachsen: 25 Jahre Denkmalschutzgesetz: 400 000 Jahre Geschichte. Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland Beiheft 42 (Stuttgart 2004) 416–420.
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