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Grabungen im frühmittelalterlichen Töpfereibezirk von Bornheim-Walberberg (Rhein-Sieg-Kreis)

Im Süden des Bornheimer Ortsteils Walberberg lag in römischer Zeit ein Landgut, das zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert bewohnt war. Auf dem nördlich angrenzenden Acker fand man bei Feldbegehungen immer wieder Keramik, die für eine Besiedlung während der anschließenden Merowingerzeit sprach, sowie zahlreiche Hinweise auf karolingerzeitliche Töpferei. Der Walberberger Fundplatz bot somit die seltene Möglichkeit, merowingerzeitliche Siedlungsreste im Umfeld eines bis in die Spätantike genutzten römischen Landgutes zu erforschen und versprach zudem neue Erkenntnissen zur frühmittelalterlichen Töpferei am Köln-Bonner Vorgebirge.

Plan der Ausgrabung in Bornheim-Walberberg

Gesamtplan der Grabungen 2006 bis 2010; Zeithorizonte farblich unterschieden (Zeichnung: A. Bechstein, Universität Bonn).

 

Ausgrabungen der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit dem LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR) in den Jahren 2006 bis 2011 haben außer den erwarteten frühmittelalterlichen Befunden vorgeschichtliche Gruben der Bandkeramik und Eisenzeit zutage gefördert sowie eine älterkaiserzeitliche Urnenbestattung, eine kleine Gruppe spätantiker Gräber und hochmittelalterliche Siedlungsspuren. Somit konnten die Studierenden bei diesen als Lehrgrabungen durchgeführten Maßnahmen mit archäologischen Befunden und Funden unterschiedlichster Zeitstellung vertraut gemacht werden. Ermöglicht wurden die Grabungen durch das Denkmalförderungsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen.

 

Bandkeramische Befunde

Bei den Grabungskampagnen 2009–2011 wurden einzelne sicher oder vermutlich bandkeramische Gruben erfasst.

Schnitt

Schnitt durch eine 2009 untersuchte bandkeramische Grube (Foto: K. Ludwig, Universität Bonn).

 

Die größte dieser Gruben lag östlich der Grabungsfläche in einem kleinen Schnitt, der der Erkundung von Anomalien der Magnetometeruntersuchung des Jahres 2006 diente. Unter dem Pflughorizont und einem 0,50 m mächtigen Mischhorizont zeichnete sich eine im Durchmesser 2,50 m große Grube ab, die Fragmente eines stichbandverzierten Gefäßes, einer dickwandigen Flasche und eines Mahlsteins enthielt. Dieser Befund gehört einem Fundplatz an, der bereits 2000 und 2003 bei Sondagen im Vorfeld der inzwischen erfolgten randlichen Bebauung des Wiesengeländes angeschnitten worden war. Die Verfüllung der Grube verdankt ihre auffallend dunkle, homogene Farbe fein verteiltem „Black Carbon“, das durch die im Neolithikum anscheinend übliche Brandwirtschaft in die Böden gelangte.

 

Ein Urnengrab mit Brandschuttdeponierung der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.

Nach der anthropologischen Bestimmung durch C. Berszin (Konstanz) handelte es sich bei der Bestatteten um eine 35- bis 45-jährige Frau.

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Urnenbestattung in situ (Foto: M. Thuns, LVR-ABR).

Ihr Leichenbrand war in einer flaschenförmigen Urne aus Belgischer Ware beigesetzt worden, aus der auch eine vollständige Fibel und eine Bronzezwinge stammen. Als Abdeckung der Urne diente eine umgestülpte Reibschale. Neben der Urne wurde ein Becher mit floraler Barbotineverzierung aufgefunden. Eine ca. 20 cm mächtige Schicht oberhalb der Gefäße war stark mit Holzkohle und verbrannten Scherben durchsetzt. Hierbei handelt es sich um den Brandschutt des Scheiterhaufens, den man gleichmäßig über der Bestattung ausgebreitet hatte. Die Scherben stammen von einem Krug, einem verzierten Becher und einer Schüssel, die als Beigaben auf dem Scheiterhaufen mit verbrannt worden waren. Bronzenieten, Bronze- und Eisenbeschläge sowie Eisennägel gehörten vermutlich zu einem ebenfalls mit verbrannten Holzkasten. Die Bearbeitung dieses Grabes erfolgte im Rahmen einer Bachelorarbeit durch I. Gebhardt (Universität Bonn).

 

Die spätantiken Gräber

Bei den Grabungen 2006 und 2009 kamen vier spätantike Gräber zum Vorschein. Weitere beigabenlose, vermutlich spätantike Gräber wurden 2011 dokumentiert. Diese kleine Grabgruppe gehörte vermutlich zu dem nahe gelegenen römischen Landgut. Da die Erosion am Vorgebirgshang durch die über Jahrhunderte intensive landwirtschaftliche Nutzung weit fortgeschritten ist, waren die Befunde stark gefährdet. Einige der Gräber lagen bereits mit ihrer Grabsohle in Pflugtiefe; ein 2009 geborgener Tuffsarkophag wies am Deckel Kerben vom Pflug auf.

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Der teilweise freigelegte Sarkophag; deutlich ist die Einfüllung der Grabgrube zu erkennen (Foto: M. Thuns, LVR-ABR).

 

Die Untersuchung des Sarkophags wurde im Anschluss an seine Bergung im LVR-LandesMuseum Bonn durch Studierende der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie unter Anleitung von K. Ludwig (Universität Bonn) fortgesetzt. Freigelegt wurden die spärlichen Skelettreste einer ca. 21 Jahre alte Frau (Bestimmung: C. Berszin, Konstanz). Zwei beigegebene Glasgefäße hatten sich unter den Lagerungsbedingungen im Sarkophag nur äußerst schlecht erhalten. Metallbeschläge und Nägel sowie Holzreste am Fußende der Bestattung stammen von einem Weidenholzkästchen (Bestimmung: U. Tegtmeier, Universität Köln). Eine Nadel im Bereich des Kopfes diente vermutlich als Festellnadel eines Haarnetzes.

 

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Fleischfliege (Foto: Urania-Tierreich in sechs Bänden. Insekten (Leipzig 1994) Abb. S. 577).

 

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Puppenhülle (links) und Fragmente vom Hinterleib und Brustbereich einer Fleischfliege: Familie Sarcophagidae, wahrscheinlich Gattung Sarcophaga (Foto: M. Thuns, LVR-ABR).
 

Dank der guten Untersuchungsbedingungen im Museum gelang es, recht unscheinbare Insektenreste zu bergen. Sie bleiben im archäologischen Befund unter bestimmten Lagerungsbedingungen erhalten. Ihre Untersuchung baut auf den Erkenntnissen der forensischen Entomologie (kriminalistische Insektenkunde) auf, die sich hauptsächlich mit der Bestimmung der Leichenliegezeit zur Rekonstruktion der zum Tode führenden Ereignisse beschäftig. Parallel zu den postmortalen Veränderungen der Leiche erfolgt eine zeitlich gestaffelte Besiedlung durch verschiedene Arten. So können bereits kurz nach Eintritt des Todes Schmeißfliegen (Familie Calliphoridae) bei der Eiablage beobachtet werden, Fleischfliegen (Familie Sarcophagidae) folgen in der Regel etwas später. Im Walberberger Sarkophag fand man leere tönnchenförmigen Puparien, deren Deckel durch die schlüpfenden Fliegen abgesprengt worden waren. Zusammen mit Teilen des Exoskelettes lassen sich diese der Familie der Fleischfliegen zuweisen (Bestimmung: N. Dorchin, Museum König Bonn). Da Fleischfliegen anders als beispielsweise Buckelfliegen nicht aktiv in Gräber eindringen können, müssen die Larven dieser lebendgebärenden Insekten vor der Bestattung auf der Leiche abgelegt worden sein. In der Regel kommt hierfür nur die wärmere Jahreszeit in Frage. Die Beisetzung der Toten im Sarkophag erfolgte wahrscheinlich noch während der Fressphase der Larven. Die leeren Puparien belegen, dass zwangsläufig auch die Verpuppung der Larven im Sarkophag erfolgte.

Die Bearbeitung der Sarkophagbestattung erfolgt im Rahmen einer Bachelorarbeit durch A. Mecking (ehem. Universität Bonn, jetzt Freiburg).

 

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Spätantikes Kindergrab mit fünf recht gut erhaltenen Glasgefäßen (Foto: U. Müssemeier, LVR-ABR).

 

Die Glasgefäße aus einem 2006 untersuchen Kindergrab waren in einem vergleichsweise guten Zustand, von dem Skelett hatten sich im kalkarmen Löss nur die Milchzähne erhalten. Drei Flaschen und einen Glasbecher hatte man am Fußende des Grabes deponiert, eine gläserne Trinkschale lag umgestülpt im Bauch-/Brustbereich. 34 in der Grabverfüllung verstreut liegende, kleine spätantike Bronzemünzen hatten die Angehörigen des Kindes wahrscheinlich während der Bestattungszeremonie ins Grab geworfen.

 

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Spätantikes Männergrab mit umgestülpter Glasschale im Bauchbereich (Foto: K. Ludwig, Universität Bonn).

Südlich des Sarkophags war das Skelett eines 40- bis 45-jährigen Mannes im tieferen, kalkreichen Boden ausgesprochen gut erhalten geblieben (Bestimmung: C. Berszin, Konstanz). Auch hier lag eine Glasschale umgestülpt im Bauchbereich. Diese besonders im Kölner Raum verbreitete Sitte der Glasgefäßbeigabe leitet sich vermutlich von geselligen antiken Trinksitten ab, in die die Verstorbenen auch nach ihrem Tod eingebunden bleiben sollten.

Die Bearbeitung der Körpergräber erfolgt im Rahmen einer Bachelorarbeit durch M. Kumpf (Universität Bonn).

 

Frühmittelalterliche Siedlungs- und Töpfereibefunde

In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, als nach den Römern die Franken von Köln aus das Rheinland beherrschten, entstand im Umfeld des aufgegebenen Landgutes eine neue Siedlung. Von dieser zeugen nur die einst tief in den Boden eingegrabenen Grubenhausreste; die Spuren größerer Pfostenbauten sind vermutlich vollständig der Hangerosion zum Opfer gefallen. In den Befunden der älteren Merowingerzeit tritt bereits sehr stark mit Quarzsand gemagerte rauwandige Ware auf, deren Machart für eine Produktion am Köln-Bonner Vorgebirge spricht. Daneben ist in den Befunden der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts und ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts ein deutlicher Anteil stark gemagerter, rauwandiger Ware vertreten, die neben Quarzsand weitere Magerungsbestandteile aufweist, unter denen vor allem eckige, glänzend schwarze Partikel besonders auffällig sind. Analysen stehen noch aus, makroskopisch können diese Partikel aber als Augit oder Hornblende angesprochen werden, die typisch für die rauwandige Mayener Keramik sind.

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Reste eines 2006 untersuchten Töpferofens; die Einfüllung im Feuerungskanal ist noch nicht herausgenommen (Foto: U. Müssemeier, LVR-ABR).


Rekonstruierter Längsschnitt eines karolingischen Töpferofens (Zeichnung: Ch. Keller, LVR-ABR); Abbildung folgt

 

Ab der Zeit um 700 wurde in Walberberg an verschiedenen Stellen über zwei Jahrhunderte lang intensiv getöpfert. Spätmerowinger- und frühkarolingerzeitliche Töpferöfen und Arbeitsgruben wurden auch in den Grabungsflächen der Lehrgrabungen untersucht. Der hier vertretene Ofentyp leitet sich von so genannten stehenden Öfen der römischen Zeit ab.

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Walberberger Ware der Zeit um 700 und des 8. Jahrhunderts (Zeichnungen: U. Müssemeier, LVR-ABR).

 

Töpfereibefunde gleich welcher Zeitstellung bringen stets große Fundmengen an Keramik mit sich. In den Öfen im Grabungsausschnitt produzierten die Töpfer vor allem so genannte Wölbwandtöpfe, aber auch Schalen, Krüge und Flaschen. In der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts kommen so genannte Reliefbandamphoren auf, die als Gefäßform für die Aufbewahrung von Nahrungsmitteln bis in das Hochmittelalter gebräuchlich blieben.

Die Aufarbeitung der Siedlungs- und Töpfereibefunde erfolgt im Rahmen einer Dissertation durch M. Schneider (Universität Bonn und LVR-ABR).

Zahlreiche Befunde lassen sich aufgrund des Nachweises von Pingsdorfer Ware und Grauware in das Hochmittelalter datieren. Ein als Darre anzusprechender Befund wurde bereits 2006 untersucht und datiert in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts. Engobiertes Brühler Faststeinzeug datiert eine weitere Grube in das 13. Jahrhundert. Im Laufe des Mittelalters ist mit einer Siedlungskonzentration im Bereich der heutigen Ortslage von Walberberg auszugehen. Dort liegt die Pfarrkirche mit den Gebeinen der Hl. Walburga sowie weitere historische Bauten (Fronhof und Hexenturm). Einige neuzeitliche Befunde im Ausschnitt der Grabungsfläche sind als Lehmentnahmegruben für die damalige siedlungsnahen Ziegelproduktion anzusprechen.

 

Literatur

  • Jan Bemmann/Ulrike Müssemeier, Grabungen im frühmittelalterlichen Töpfereibezirk. Arch. Rheinland 2006 (2007) 162–164.
  • Ulrike Müssemeier, Bornheim-Walberberg, Rhein-Sieg-Kreis. Franz-von-Kempis-Weg, Ofen Stelle 7 und Arbeitsgrube Stelle 54, Nordrhein-Westfalen D. In: Andreas Heege (Hrsg.), Töpferöfen – Pottery kilns – Fours de potiers. Die Erforschung frühmittelalterlicher bis neuzeitlicher Töpferöfen (6.–20. Jh.) in Belgien, den Niederlanden, Deutschland, Österreich und der Schweiz. Basler Hefte zur Archäologie 4 (Basel 2007) 225–233.
  • Jan Bemmann/Ulrike Müssemeier, Fortsetzung der Grabungen im frühmittelalterlichen Töpfereibezirk von Bornheim-Walberberg. Arch. Rheinland 2008 (2009) 122-125.
  • Jan Bemmann/Ulrike Müssemeier, Ein römischer Sarkophag im frühmittelalterlichen Töpfereibezirk von Walberberg. Arch. Rheinland 2009 (2010) 129-131.
  • Ulrike Müssemeier u. Michael Schneider: KeramikproduKtion der späten merowinger- und frühen Karolingerzeit in Bornheim-Walberberg, Rhein-Sieg-Kreis (in: Grunwald, Pantermehl, Schreg (Hrsg.): Hochmittelalterliche Keramik am Rhein. Eine Quelle für Produktion und Alltag des 9. bis 12. Jahrhunderts, Tagung im Römisch-Germanischen Zentralmuseum, 6. bis 7. Mai 2011. Mainz 2012.) PDF
     

 

Stand: 12.12.2012

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