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Lehrgrabung

Die Lehrgrabung der Universität Bonn 2018: Eine montanarchäologische Voruntersu-chung des Bergwerkreviers südlich von Bennerscheid (Königswinter, Rhein-Sieg-Kreis)

Die Lehrgrabung der Universität Bonn konnte in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit dem LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, Außenstelle Overath, in einem aufgelassenen und inzwischen nahezu vollständig bewaldeten Montanrevier bei Königswinter-Bennerscheid durchgeführt werden. Im Rahmen dieser fünfwöchigen Feldkampagne (OV 2018/0065) wurde von Mitte Juli bis Ende August den Studierenden so eine Möglichkeit geboten, ihre praktischen Fähigkeiten in der archäologischen Feldarbeit unter fachkundiger Anleitung zu erproben.

 

Fundplatz  Der Fundplatz Bennerscheid liegt in einem alten Bergbaugebiet im Süden Nordrhein-Westfalens, in dem Blei-, Zink-, Kupfer, aber auch Silbererze gewonnen wurden (Quelle: https://www.bezreg-arnsberg.nrw.de/themen/a/altbergbau_gefahrenabwehr/uebersichtskarte_altbergbaugebiete_nrw_g.pdf, 28.8.2018).

 

Kennzeichnend für das gesamte Revier sind eine große Anzahl von heute noch sichtbaren Pingen, Halden und Stollenmundlöchern, die als Kulturlandschaftselemente anerkannt und zum Teil als Bodendenkmäler unter Schutz gestellt sind (SU 019). Noch um die Wende des 19. Jahrhunderts wurde das seit langem genutzte Revier durch einen Bergmeister mit Ehrfurcht beschrieben:  „Einen höchst imponirenden Anblick gewährt der gegen ein halbtausend Lachter ununterbrochene Zug dieses Werks, und stellt bei näherer Beleuchtung ein grosses uraltes Werk begmännisches Kraft und Energie dar.“ [J. C. Jordans mineralogische, berg- und hüttenmännische Reisebemerkungen (Göttingen 1803) 226; nach J. Nöggerath/G. Bischof, Schwefelkies als Sinterbildung in einem alten Bergwerke. Journal für Chemie und Physik 65, 1832, 246].

Die frühesten archäologisch nachweisbaren Nutzungsspuren datieren in Form einer Abschnittsbefestigung in die späte römische Eisenzeit und die frühe römische Kaiserzeit (ca. 1. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr). Die mittelalterliche Entwicklungsgeschichte war bislang so gut wie nicht bekannt. Nach einer wechselhaften Geschichte unter mehreren Eigentümern und einer intensiven Erzausbeutung in der frühen Neuzeit endete der Abbau im Jahr 1875 mit der Stilllegung der Grube Altglück.

Anlass zu dieser Untersuchung bot der Befund einer hochmittelalterlichen Grube in einem durch die Frühjahrsstürme entwurzelten Wurzelteller einer Kiefer. Oberflächenfunde von Münzen und mittelalterlicher Keramik bekräftigten den Wunsch diese bisher unbekannte Phase des Reviers stärker zu erforschen.

Luftbild Grabung  Luftbild des geplanten Grabungsgeländes auf einer Lichtung mit Blickrichtung nach Südwesten (T. Bremer, Univ. Bonn)

 

Im Vorfeld der Lehrgrabung wurden zwei grundlegende Projektziele definiert:

  1. Erstens sollte mit dieser Voruntersuchung der Erhaltungszustand der archäologischen Befunde in einem eng umgrenzten Teilbereich des Montanreviers geklärt werden. Von besonderem Interesse war der für das Jahr 1162 urkundlich bezeugte mittelalterliche Bergbau. Neben sozial- standen vor allem wirtschaftsarchäologische Fragen im Vordergrund, die auf die Entwicklung des Montanreviers, die durchgeführten Abbau- und Handwerksprozesse sowie auf deren räumliche Organisation abzielen. Zu erwarten waren ebenso Einblicke in die Arbeitsverhältnisse der dort tätigen Bergarbeiter und Handwerker.
  2. Zweitens sollten alle Studierenden „Schritt für Schritt“ in die Methoden der Grabungstechnik und die ordnungsgemäße Dokumentation archäologischer Befunde nach den Vorgaben des rheinischen Stellenkartensystems eingeführt werden, mit dem Ziel diese völlig eigenständig anwenden zu können.

 

Im Rückblick konnten beide Ziele erreicht werden:

Auf einer Fläche von rund 300 Quadratmetern konnten zum Teil gut erhaltene siedlungs- und montanarchäologische Befunde aufgedeckt und sorgfältig untersucht werden. Durch einen Tiefschnitt wurden die Ausmaße und die mittelalterliche Datierung einer Abraumhalde, die bei der Ausbeutung eines angrenzenden Erzgangs aufgeschüttet wurde, geklärt.
 
Bergwerkrevier Bennerscheid
Der nördliche Teil des Bergwerkreviers bei Bennerscheid im digitalen Geländemodell. 1: Späteisenzeitlich/frührömische Ringwallanlage. 2: Steigerhaus Neuglück (errichtet um 1850). 3: Wall/Graben-Anlage. 4: Abgebauter Erzgang. 5: Abraumhalde. 6: Mittelalterlicher Metallverarbeitungsplatz (Quelle: T. Rünger, Univ. Bonn, Geobasis NRW).

 

Zu den aufgedeckten Befunden zählen weiterhin mittelalterliche Siedlungs- und Pfostengruben eines größeren Holzgebäudes sowie die bis zu 0,80 cm tief erhaltenen Überreste eines Metallverarbeitungsplatzes. Zu den verarbeiteten Rohstoffen zählten nach ersten Erkenntnissen sowohl Zink- als auch Eisenerze und vermutlich Bergkristall.

 

Rennfeuerofen                 Pfostengrube

Rest des Schachtes eines Rennfeuerofens? Die die Einfüllung heißer Holzkohle                                Profilschnitt einer mittelalterlichen Pfostengrube (Quelle: T. Rünger, Univ. Bonn)
entstand eine Verziegelung der Grubensohle (Quelle: T. Rünger, Univ. Bonn)                                  


   
Metallverarbeitungsplatz
Ausgrabungssituation im Bereich des Metallverarbeitungsplatzes Stelle 32 (Quelle: T. Rünger, Univ. Bonn).
 

Eine Graben-Wall-Konstruktion, die nahezu das gesamte Revier umschließt, konnte als obertägig sichtbare Parzellengrenze angesprochen und entgegen den Erwartungen, nicht in das hohe Mittelalter, sondern in das späte Mittelalter bzw. die frühe Neuzeit datiert werden.

 

Profilschnitt

Profilschnitt durch die Wall-Graben-Anlage Stelle 21/22 (Quelle: T. Rünger, Univ. Bonn).
 

Über naturwissenschaftliche Untersuchungen, etwa 14C-Analysen von Holzkohlen, sollen die archäologisch erstellten Befunddatierungen überprüft werden. Ergänzend dazu werden archäobotanische Analysen durchgeführt, die Aussagen zur Landwirtschaft, den Ernährungsgewohnheiten und der Nutzungsgeschichte einer im Hochmittelalter vermutlich zunehmend devastierten Landschaft erlauben werden.

 

 

Restfundentnahme

Restbefundentnahme einer großen Grube, die in den steinhart ausgetrockneten Löss-Lehm eingetieft wurde (Quelle: M. Zeuner, Univ. Bonn).

 

Bei Ausgrabungen im gesamten Rheinland werden zunehmend digitale Dokumentationsmethoden eingesetzt. Um dieser Entwicklung vorauszugreifen, den jeweils auf Ausgrabungen unterschiedlichen Dokumentationsstandards gerecht zu werden und gleichzeitig die Vorzüge einer kunstgerechten Feldzeichnung anzuerkennen, wurden auf dieser Lehrgrabung sowohl analoge als auch digitale Dokumentationsmethoden vermittelt.

Diese umfassten Feldzeichnungen, Digitalfotos, Fotogrammmetrie als auch 3D-Modelle im Structure from motion (SfM) Verfahren. Die schriftliche Befunddokumentation erfolgte digital mit Hilfe wetterfester Toughbooks und Datenbanken. Darüber hinaus gewannen die Studierenden Einblicke in das Vermessungswesen, die Arbeit mit Auto- bzw. TachyCad, die fachgerechte Anlage von Plana und Profilen, die Fundbergung und die Entnahme naturwissenschaftlicher Proben.

 
Profil mittelalterliche SchichtAnlage und Zeichnung eines Profils durch eine mittelalterliche Schicht. Im Hintergrund:  Die Untersuchung des Metallverarbeitungsplatzes Stelle 32 durch einen mehrfachen Kreuzschnitt (Quelle: M. Zeuner, Univ. Bonn).
 

Abschließend kann Folgendes festgehalten werden:

Aus archäologischer Perspektive bietet dieser in der Forschung bisher kaum beachtete Fundplatz ein hohes Potential für zukünftige Untersuchungen mit einer diachronen, landschaftsarchäologischen und interdisziplinären Herangehensweise. Nur so kann es nach und nach gelingen, zu einem besseren Kenntnisstand bezüglich des vormodernen Bergbaus und der Metallverarbeitung im Oberbergischen Land zu gelangen.

 

Das Areal einer möglichen mittelalterlichen Bergarbeitersiedlung im nördlichen Teil des Reviers, wäre hierfür grundsätzlich geeignet. In dem natürlichen Hangbereich sind noch heute unter dichtem Laubwald rund 16 podiumsähnliche Plattformen zu erkennen. Diese könnten als Basis von Wohnhäusern gedient haben. Der als Bodendenkmal SU 199 erfasste Bereich westlich des Dollenbaches wurde im Rahmen eines durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt geförderten Projektes durch Prospektionen untersucht, wobei auf einer Fläche von rund 1,4 Hektar vor allem mittelalterliche Keramik aufgesammelt wurde (OV 1997/0111; PR 2013/0103; OV 2014/3010).

 
Geländemodell
Digitales Geländemodell des Bennerscheider Montanreviers. 1: Untersuchungsbereich der Lehrgrabung 2018 (OV 2018/0065). 2: Lage der „mittelalterlichen Knappensiedlung“ (Quelle: T. Rünger, Univ. Bonn, Geobasis NRW).

 

Zumindest der erfolgreiche Abschluss der Lehrgrabung 2018 wurde bereits mit einem kleinen Grillfest am letzten Arbeitstag gefeiert, um damit die fünfwöchigen Mühen bei extremen Temperaturen der Lehrgrabungsteilnehmer gebührend zu belohnen!

 


 

 

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