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Ausgrabungen im Zentrum der mittelalterlichen Hauptstadt des mongolischen Weltreiches

Dr. Ernst Pohl / Prof. Dr. Jan Bemmann

Zwischen 1999 und 2005 führte das Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie archäologische Ausgrabungen auf dem Gelände der mittelalterlichen Hauptstadt des mongolischen Weltreichs, Karakorum, durch (Abb. 1). Institutionell eingebettet waren und sind die Arbeiten in die „Mongolisch-Deutsche Karakorum-Expedition“, einer Forschungskooperation, der neben der Universität Bonn das Archäologische Institut (vormals: Archäologische Abteilung des Historischen Instituts) der Akademie der Wissenschaften der Mongolei und die Kommission für Archäologie außereuropäischer Kulturen (KAAK) des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) angehören. Die dieser Kooperation zugrunde liegende Vereinbarung wurde 1998 auf dem historischen Grund der altmongolischen Hauptstadt in Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Prof. Roman Herzog unterzeichnet und im Frühjahr 2005 auf allseitigen Wunsch hin um weitere 5 Jahre verlängert.

Auslöser für die gegenwärtigen Forschungen in Karakorum war der Wunsch der mongolischen Akademie, anlässlich des 800-jährigen Jubiläums der Wahl Dschingis Khans zum Großkhan aller Mongolen im Jahre 1206 neue Ergebnisse zur Geschichte und Struktur der Stadt präsentieren zu können. Angesichts der Bedeutung dieses Projektes für die nationale Identität der modernen Mongolei wurde vereinbart, zwei parallele Ausgrabungsprojekte, einmal im sog. „Palastbereich“ im Südwesten der Stadt durch die KAAK und ein weiteres in der Stadtmitte durch die Universität Bonn, durchzuführen (Abb. 2). 

Die historische Überlieferung schreibt die Gründung der Stadt Dschingis Khan zu, der im Jahre 1220 im Zusammenhang mit seiner Nachfolgeregelung auch den Platz für die zukünftige Hauptstadt des entstehenden mongolischen Großreiches bestimmt hat. Konkrete bauliche Maßnahmen werden jedoch erst für die Zeit seines Sohnes und Nachfolgers Ögedei Khan erwähnt, der 1235 einen Wall um die entstehende Stadt errichten ließ und im gleichen Jahr mit dem Bau eines Palastes begann. Als der Franziskanermönch Wilhelm von Rubruck im Frühjahr 1254 für mehrere Monate in Karakorum weilte, stellte sich ihm die Stadt als kosmopolitisches Gemeinwesen dar, in dem Angehörige nahezu aller Völker des Reiches in unterschiedlichsten Tätigkeiten und Positionen innerhalb der Stadtmauern lebten. Europäer verschiedenster Nationalität, orientalische Muslime und vor allem Chinesen lebten und arbeiteten hier. Nicht alle freiwillig, wie das Beispiel des berühmten Goldschmieds Guillaume Boucher zeigt, der während der Anwesenheit Rubrucks den berühmten Silberbaum für die Palasthalle vollendete. Boucher war als Kriegsgefangener aus den europäischen Feldzügen nach Karakorum gekommen und musste seine Dienste für die Großkhane der Mongolen verrichten.

Die Ausgrabungen der Universität Bonn waren in einem Bezirk im Zentrum der umwallten Stadt angesiedelt (Abb. 3) und galten zunächst chronologischen Fragestellungen zur Stadtgründung, zur inneren Gliederung in verschiedene Perioden und zur Dauer der Besiedlung in Karakorum. Ausgewählt wurde ein Areal unmittelbar südlich des zentralen Straßenkreuzes, das sich in seiner Topographie durch ein erhöhtes Gelände mit zahlreichen Podesten, Schutthügeln und Wegeachsen auszeichnet. Unter diesen Schutthügeln befinden sich die Reste ehemals an der großen Nord-Süd-Strasse stehender Gebäude bzw. Hofanlagen. Die Höhe der einzelnen Schutthügel gegenüber dem normalen Talgrund berechtigte zu der Annahme, hier auf Strukturen mit einer mehrperiodigen Bauabfolge zu treffen, die es unter günstigen Umständen ermöglichen würde, Brüche und Kontinuitäten im siedlungsarchäologischen Ablauf mit historisch überlieferten Epochen der Stadtgeschichte parallelisieren zu können und somit das teilweise nur dünne historische Datengerüst zu ergänzen.

Diese Annahme fand Unterstützung in den Ergebnissen einer russisch-mongolischen Expedition der Jahre 1948/49 unter der Leitung von S.V. Kiselev und seines mongolischen Partners Ch. Perlee. Neben Ausgrabungen im sog. Palastbereich und am Osttor wurde damals in der südöstlichen Ecke des zentralen Straßenkreuzes einer der großen Schutthügel angeschnitten und partiell ausgegraben. Obgleich die nach dem Tode von Kiselev herausgegebene Publikation keineswegs heutigen Maßstäben entspricht, ist den verschiedenen Beiträgen aus dem sog. „Haus an der Straßenkreuzung“ zu entnehmen, dass an dieser Stelle eine Schichtenfolge von mehreren Metern angetroffen worden war. In den von L.A. Evtuchova publizierten Münztabellen sind insgesamt elf Straten angegeben, die jedoch keine Siedlungsschichten, sondern künstliche Abträge widerspiegeln. Es war daher zu erwarten, dass man bei einer vergleichbaren topographischen Situation in der Stadtmitte ebenfalls ein mehrere Meter hohes Schichtenpaket antreffen würde, das bei entsprechender Grabungstechnik und -dokumentation in ein System aufeinander folgender Bauschichten umgesetzt werden kann, um neue, auf archäologischer Basis gewonnene Erkenntnisse zur Stadtentwicklung von Karakorum formulieren zu können.

Die in den vergangenen Jahren angelegten Grabungsflächen reichen teilweise bis in eine Tiefe von fünf Metern hinab, bevor der Flussschotter des Orchon erreicht wurde. Zu den bedeutendsten Entdeckungen der Ausgrabungen in der Stadtmitte gehört der Nachweis der großen, Nord-Süd-orientierten Hauptstrasse von Karakorum (Abb. 4). In gut 2,5 Meter Tiefe wurden an mehreren Stellen Teile einer Pflasterung aus unregelmäßig zugehauenen Kalkplatten aufgedeckt. Das Pflaster lässt sich in einzelne Felder von etwa 3 × 2 Metern aufgliedern, die durch ein Holzrahmenwerk voneinander getrennt waren. Dieses Straßenpflaster war auf ein mehrere Schichten umfassendes Kiesbett aufgebracht, so dass die Straße vergleichbar den Römerstrassen der alten Welt auf einem erhöhten Straßendamm verlief, der zu den Wohnniveaus der Gebäude zu beiden Seiten hin abfiel. Diese Straße gehört in die Hauptstadtperiode von Karakorum. Während dieser Epoche war das Leben in der Stadt u. a. durch einen internationalen Handelsverkehr geprägt, der angemessene Straßenverhältnisse auch innerhalb der Stadt erforderte. Zugleich war auch eine regelmäßige Reinigung erforderlich, um die Straße befahrbar zu halten. Als dieses nicht mehr gewährleistet wurde, versandete die Strasse relativ schnell und alle späteren Umbaumaßnahmen erwiesen sich als technisch weniger anspruchsvoll, bis im 14. Jahrhundert nur mehr ein einfacher, mehr schlecht als recht befestigter Straßenboden die »Hauptstraße« der Stadt darstellte.

Fund und Befunde aus der Bebauung beiderseits der Straße zeigen, dass mit den Ausgrabungen ein Ausschnitt des historisch überlieferten Handwerkerviertels der „Cathai“, der Chinesen, freigelegt worden ist. Dies wird angesichts der Architektur der Gebäude, mannigfaltiger technischer Installationen wie Öfen und Feuerstellen, aber auch von Funden deutlich (Abb. 5). Nachgewiesen wurden Werkstätten zur Metallverarbeitung, Betriebe zur Glas- und Edelsteinverarbeitung, Knochenschnitzer sowie Produktionsstätten für Birkenrindenobjekte, die jeweils durch Rohmaterialien, Halbfabrikate, Werkstattabfälle und Endprodukte im Fundspektrum belegt sind. 

Schon mit Beginn der Besiedlung in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ist das Areal an der Straße als Handwerkerviertel gekennzeichnet. Bestes Beispiel ist das Atelier eines Metallhandwerkers östlich der Strasse. Vor der Straßenfront des Hauses dieser Werkstatt wurden 2004 mehrere noch vollständig erhaltene runde Holzpflöcke mit einem Durchmesser von 30-40 cm und einer Höhe von etwa 80 cm aufgedeckt, die nebeneinander parallel zum Straßenverlauf aufgestellt waren (Abb. 6). Sie waren stark mit Bronzestaub bedeckt und besitzen an ihrer Oberseite quadratische Aussparungen, in denen Ambosse aus Metall eingelassen waren. Zum Fundspektrum dieser Werkstatt gehören große Mengen klein geschnittener Bronzefragmente, die als Rohmaterialien zur Wiederverarbeitung dienten. Hier hat ein Kupferschmied an der Strasse gearbeitet, auf diesen Pflöcken hat er Treibarbeiten hergestellt. Leder- und Textilfragmente, die in großer Anzahl im Umfeld des Ateliers gefunden wurden, dienten dabei als federnde Unterlage für seine Tätigkeit.

Auf dem Laufhorizont dieser Werkstatt fand sich eine orientalische Silbermünze mit dem Prägestempel einer Münzprägestätte in Karakorum. Diese in das Jahr 1237/38 datierte Münze stellt das bislang älteste zeitgenössische Zeugnis für den Erwähnung der altmongolischen Hauptstadt dar.

Aktivitäten von Handwerk und Handel lassen sich in den Grabungsflächen durch alle Siedlungsperioden hindurch verfolgen. Dass Metall verarbeitende Betriebe in Karakorum auch in der Spätphase der Besiedlung im 14. Jahrhundert noch ansässig gewesen sind, belegt eine Werkstatt westlich der Strasse, die im Verlauf der Grabungen wiederholt angeschnitten wurde. Ein ganzes Repertoire von Gegenständen ist hier gefunden worden (Abb. 7), darunter ein unvollendetes, goldenes Plattenarmband mit Phönixdarstellung, ein dazu gehörendes Treibmodel aus Bronze, weitere Model mit verschiedenen Motiven sowie ein in den Boden eingelassenes, vollständig erhaltenes chinesisches Vorratsgefäß, in dem sich Geräte und Fabrikate des hier tätigen Handwerkers fanden.    

Diese Funde, aber auch eine Ansammlung chinesischer Münzen und eine vollständige Perlenkette lassen darauf schließen, dass das Ende dieser Werkstatt mit einem unvorhergesehenen Ereignis in Verbindung gebracht werden muss und der Besitzer nicht mehr in der Lage war, seine Habe in Sicherheit zu bringen.

Die Zeit des späten 14. Jahrhunderts war für Karakorum eine unruhige Zeit. Nachdem die Stadt ihre Funktion als Zentrum des mongolischen Weltreiches unter Qubilai Khan im Jahre 1260 verloren hatte, der seine Hauptstadt zunächst in Shang-du und dann später in Beijing errichtete, erlangte sie den zuvor besessenen Rang als Hauptstadt nach 1368 zurück. In diesem Jahr waren die Mongolen nach mehr als hundertjähriger Herrschaft aus China wieder vertrieben worden. Ayuširidara, der Sohn des letzten Mongolenkhans in Peking, kehrte 1370 an den Platz seiner Vorfahren zurück, um von hier aus die Wiedereroberung Chinas voranzutreiben. Aus dieser Zeit stammt eines der wichtigsten historischen Dokumente der Ausgrabungen, ein Siegel des Finanzministeriums, welches im Jahre 1371/72 in Karakorum hergestellt worden war (Abb. 8). Mit Ayuširidara waren wohl auch Angehörige des ehemaligen Hofstaates zurückgekommen, da die Qualität der Fundstücke innerhalb der jüngsten Besiedlungsschicht ausgesprochen hochwertig ist. Mehrere Bronzespiegel, ein Porzellanlöwe, aber auch die Funde aus der genannten Werkstatt mit dem Goldarmband sind wohl dahingehend zu interpretieren.

Das Unternehmen einer erneuten Eroberung scheiterte jedoch, die Armeen der neuen Herrscher Chinas, der Ming, waren nach mehreren Feldzügen in der Lage, die Mongolen zu besiegen und auch die alte/neue Hauptstadt Karakorum einzunehmen und zu zerstören. Es dauerte dann bis in das 19./20. Jahrhundert, bis die Mongolen mit Urga/ Ulaanbaatar wieder eine feste Stadt erbauten. Die alte Hauptstadt blieb im kollektiven Gedächtnis der Mongolen über die Jahrhunderte jedoch genauso präsent wie der Reichsgründer Dschingis Khan, dessen Erhebung zum Großkhan aller mongolischen Völker im Jahre 1206 im vergangenen Jahr Anlass zu großen Festveranstaltungen in der Mongolei gewesen ist.

Fördernde Institutionen

 

Kooperationspartner

Wiss. Ansprechpartner

Prof. Dr. Jan Bemmann, Dr. Ernst Pohl (Email: [Email protection active, please enable JavaScript.])
 

Literatur

  • Dschingis Khan und seine Erben. Das Weltreich der Mongolen. Ausstellungskatalog Bonn/München 2005.
  • S. Heidemann/H. Kelzenberg/U. Erdenebat/E. Pohl, The First Documentary Evidence for Qara Qorum from the Year 635/1237/38. Zeitschr. Arch. Außereuropäischer Kulturen 1, 2006, 93 – 102.
  • H.-G. Hüttel, Im Palast des ewigen Friedens – Die mongolisch-deutschen Ausgrabungen im Palastbezirk von Karakorum. In: Expeditionen in vergessene Welten. 25 Jahre archäologische
  • Forschungen in Afrika, Amerika und Asien. AVA-Forschungen Bd. 10 (Aachen 2004) 179 – 208.
  • S. V. Kiselev/L. A. Evtuchova/L. R. Kyzlasov/N. J. Merpert/V. P. Levasova (Hrsg.), Drevnemongol’skie Goroda (Moskau 1965).
  • H. R. Roth/U. Erdenebat (Hrsg.), Qara Qorum-City (Mongolia) I. Preliminary report of the excavations 2000/2001. Bonn Contributions to Asian Archaeology Vol. 1 (Bonn 2002).

 

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